Das Atmen als Therapie und Weg der Selbsterkenntnis

Jeder von uns entwickelt im Laufe seines Lebens seine ganz individuellen unbewussten Atemgewohnheiten. Indem wir uns diese bewusst machen, begreifen wir sie als Ausdruck seelisch-körperlicher Muster, erworbener Blockierungen und ungenutzter Potentiale.

Atmen ist weitaus mehr als Luftholen. All unser Tun und Lassen sowie unsere Befindlichkeiten drücken sich im Atmen aus. Unsere Aktivitäten, Gedanken, Wahrnehmungen und Gefühle, Gemüts- und Ausdrucksbewegungen werden durch eigene Atemweisen begleitet. Je nachdem wie wir Kontakt aufnehmen oder ihn vermeiden, atmen wird. So wie wir stehen, sitzen, liegen und uns bewegen, werden wir durch den Atem bewegt.

Die volle Atembewegung ist ein raumhaftes Weit- und Schmalwerden als kompliziertes Zusammenspiel gleichgerichteter, nachgeordneter und entgegengesetzter Kräfte, durch das sich das Zwerchfell einmal nach unten bewegt und damit die darunter liegenden Rumpfwände weitet. Dabei hat das Zwerchfell einen Antipoden im Beckenboden, dem s.g. Beckenzwerchfell.

Gleichzeitig bewegen sich die Rippen zur Seite, der untere Teil des Brustbeins stößt mit den Rippen nach vorne und der obere Teil schwingt ebenfalls mit den Rippen zusammen nach oben. Die Bewegung der Zwischenrippenmuskulatur – sie ist ebenfalls Atemmuskulatur – wird von der Bewegung unterhalb des Zwerchfells getragen.

Die Atemmuskulatur ist eng mit der Wirbelsäule verbunden. Jedem Atmungsfehler entspricht deshalb ein Haltungsfehler. Dabei ist die frei fließende Atembewegung als ständige Schwingung für die Ernährung der Bandscheiben entscheidend. Die gut funktionierende Atembewegung entwickelt aufgrund ihrer räumlichen Ausdehnung darüber hinaus eine Spannkraft, die aufrichtet und somit die Haltung rückwirkend stabilisiert.

Den muskulären Spannungsverhältnissen entsprechen unterschiedliche Empfindungen, weil erstere die Reizbarkeit der Nervenzellen bestimmen. Darüber hinaus tragen Empfindungen unsere Gefühle, mit denen wir die Welt emotional bewerten. Das durch Atemerfahrungen geschulte Empfindungsbewusstsein kann uns helfen, Unterscheidungen im Alltag wahrzunehmen und damit unser Ich im Verhältnis von Körperlichkeit und uns umgebender Welt zu bewahren.


Luft bekommt der Mensch in der Regel immer. Ob es aber ein schweres Hineinziehen oder ein leichtes Einfließen ist, ob wir uns beim Atmen eng machen oder uns die Atembewegung in den Raum hinausdehnt, ob wir nur mit dem Bauch oder der Brust atmen und der Rücken bewegt wird oder unbewegt bleibt, begründet vitale und seelisch-geistige Seinsweisen. Solche Zusammenhänge erschließen sich in der Atemarbeit sehr direkt., da die eigenen Lebens und Erlebensbeschränkungen bewusst werden. Das Üben am Atem löst seelische Konflikte. Wenn der Mensch seinen eigenen Atemrhythmus wiedergefunden und eingelebt hat, gesundet seine Seele. Jede wirkliche seelische Veränderung oder geistige Wandlung wird durch den Atem getragen. Bei psychosomatischen Störungen ist es sinnvoll, sich vornehmlich über den Atem seiner unbewussten Kräfte gewiss zu werden.

Atemarbeit ordnet, regeneriert und setzt Selbstheilungskräfte, den inneren Arzt des Menschen, frei. Der Stoffwechsel und die Durchblutung verbessern sich. Das Immunsystem wird gekräftigt und Stressverhalten abgebaut.

Atmen ist Leben

Atmen bildet die Grundlage aller Lebensprozesse. Auf allen Ebenen ist er Voraussetzung für Wachstum und Veränderung, wobei es gleichgültig ist, ob wir eine einzelne Zelle oder ganze Gewebe oder Organe betrachten. Menschen, Tiere, Pflanzen und der ganze Planet Erde sind auf den Fluss der Lebenskraft angewiesen. Jede einzelne Zelle des menschlichen Körpers nimmt Sauerstoff auf, verbrennt ihn, um Energie zu gewinnen und scheidet Kohlendioxid aus. Dieses Abfallprodukt des Atemprozesses wird von den Pflanzen aufgenommen und mittels Photosynthese erneut zu Sauerstoff transformiert.

Die Sauerstoff- und Kohlenstoffatome, die wir heute ein- oder ausatmen, existieren seit Entstehen dieser Erde. Wir sind damit über den Atem mit allen lebenden Wesen verbunden.